Akquise & Kundengewinnung

Erstgespräch führen — was du fragst, was du sagst, was du lässt

Kurz gesagt

Ein gutes Erstgespräch verkauft nicht — es qualifiziert. Wer mit klaren Fragen, sichtbarem Verständnis und einem konkreten nächsten Schritt aus dem Gespräch geht, gewinnt mehr Aufträge und vor allem die richtigen. Dieser Guide gibt den Aufbau, die wichtigsten Fragen und die häufigsten Fehler.

Ein Erstgespräch ist nicht der Moment, in dem du verkaufst. Es ist der Moment, in dem du qualifizierst — auf beiden Seiten. Du prüfst, ob das Projekt zu dir passt, und die Kundschaft prüft, ob du zu ihrem Anliegen passt. Wer das ernst nimmt, hat hinterher weniger Aufträge, aber die richtigen — und schreibt erheblich bessere Angebote, weil er erheblich besser informiert ist.

Die meisten Erstgespräche scheitern nicht am Können der Berater:in, sondern an drei sehr menschlichen Reflexen: zu früh pitchen, zu viel reden, zu wenig fragen. Mit ein bisschen Aufbau lässt sich das vermeiden.

Der Ablauf in fünf Schritten

1. Einstieg — kurz, freundlich, ohne Smalltalk-Theater

Drei Minuten reichen. Vorstellen, kurz erklären, was dieses Gespräch leisten soll und wie es abläuft. Etwa so:

„Schön, dass es geklappt hat. Wir haben jetzt eine halbe Stunde. Ich würde gerne in den ersten 15 Minuten verstehen, woran Sie gerade arbeiten und wo der Schuh drückt. Dann sage ich Ihnen kurz, ob und wie ich helfen kann — und am Schluss klären wir den nächsten Schritt. Klingt das gut?“

Das hat drei Wirkungen: Du nimmst der Kundschaft die Unsicherheit, was kommt. Du machst klar, dass du führst. Und du verhinderst, dass ihr 20 Minuten beim Wetter hängen bleibt.

2. Verstehen — der wichtigste Teil

Hier verbringst du 60 % des Gesprächs. Du fragst, sie redet. Die wichtigsten Fragen:

  • „Beschreiben Sie mir kurz die aktuelle Situation — wo stehen Sie gerade?“
  • „Was läuft daran nicht so, wie Sie es sich wünschen?“
  • „Was haben Sie bisher schon versucht, um das zu lösen?“
  • „Was wäre für Sie ein gutes Ergebnis in sechs Monaten?“
  • „Wer ist neben Ihnen an der Entscheidung beteiligt?“

Diese fünf Fragen liefern dir fast alles, was du für ein gutes Angebot brauchst: Ist-Stand, Schmerz, schon versuchte Lösungen (= was du nicht doppelt vorschlagen solltest), Zielzustand, Entscheidungsstruktur.

Sehr wichtig dabei: Nicht unterbrechen. Wenn die Kundschaft eine Pause macht, wartest du zwei Sekunden. Oft kommt dann das eigentlich Interessante.

3. Einordnen — kurz, ehrlich, ohne Pitch

Jetzt redest du fünf bis sieben Minuten. Du spiegelst zurück, was du verstanden hast (in der Sprache der Kundschaft), und sagst, ob und wie du helfen kannst.

Wichtig ist die Reihenfolge: erst Verständnis spiegeln, dann erst dein Ansatz. Wer mit „Was ich für Sie tun würde …“ einsteigt, bevor klar ist, ob er das Problem verstanden hat, verkauft an einem leeren Stuhl.

Und: ehrlich bleiben. Wenn dein Ansatz an einer Stelle Schwächen hat oder das Projekt eigentlich anders zugeschnitten werden müsste, sag das. Vertrauen entsteht aus sichtbarer Ehrlichkeit, nicht aus reibungslosem Reden.

4. Fit-Check — in beide Richtungen

Bevor du den nächsten Schritt vereinbarst: eine Minute Fit-Check.

  • Passt das Projekt zu dir (Thema, Umfang, Zeitfenster, Tonfall der Anfrage)?
  • Passt du zur Kundschaft (Erwartungen, Entscheidungsstruktur, Bauchgefühl)?

Wenn beides ein klares Ja ist, gehst du zum nächsten Schritt. Wenn nicht: jetzt darüber sprechen, nicht im Angebot.

Eine ehrliche Variante des Nein-Sagens, die fast immer gut ankommt:

„Ich denke, das ist ein wirklich spannendes Projekt — aber ich glaube nicht, dass ich die Beste dafür bin, ehrlich gesagt. Was es braucht, ist eher [X], und mein Fokus liegt eher auf [Y]. Wenn es hilft, kann ich Ihnen jemand in [X] empfehlen.“

Wer so absagt, gewinnt Respekt und oft eine Empfehlung. Wer Aufträge annimmt, die nicht passen, verliert beides.

5. Nächster Schritt — konkret, klein, terminiert

Niemals ein Erstgespräch mit „Ich melde mich“ beenden, weder von dir noch von der anderen Seite. Stattdessen einen konkreten, kleinen nächsten Schritt vereinbaren:

„Ich schicke Ihnen bis Ende der Woche einen Vorschlag mit zwei Optionen. Wenn der für Sie passt, planen wir den Start im [Monat] — wenn nicht, melden Sie sich kurz, und wir passen ihn an.“

Drei Eigenschaften eines guten nächsten Schritts: konkret (was genau), klein (eine Mail, kein Vertrag), terminiert (Datum, nicht „bald“).

Was du nicht tust

  • Pitchen, bevor du verstanden hast. Der häufigste Fehler. Wer im ersten Drittel des Gesprächs schon Lösungen ausbreitet, verliert die Kundschaft (und verliert sich selbst, weil er falsche Ansätze rausgeschickt hat).
  • Monolog. Wer mehr redet als die Kundschaft, hat das Erstgespräch missverstanden.
  • „Haben Sie noch Fragen?“. Das ist eine schwache, passive Schlussfrage. Besser: „Was wäre für Sie der nächste sinnvolle Schritt?“ — proaktiv und gemeinsam.
  • Preis im Detail nennen. Eine Größenordnung zur Erwartungssteuerung ist okay; ein verbindlicher Preis gehört ins schriftliche Angebot. Wer mündlich pinkelt, verschüttet sich oft.
  • Pseudo-Selbstständigkeits-Vorstellungsrunde. „Ich bin seit 12 Jahren … habe für … betreut …“ — kostet drei Minuten und liefert nichts. Wer du bist, hat die Kundschaft auf deinem Profil gelesen.
  • Druck aufbauen, wenn das Gespräch nicht gut läuft. Wenn es nicht passt, passt es nicht. Höflich absagen oder offen lassen — nicht versuchen, sich reinzudrängen.

Vorbereitung: 15 Minuten vorab

Wer vorbereitet ins Gespräch geht, führt es deutlich souveräner. Ein einfaches Pre-Call-Setup:

  • Die Anfrage / Website noch einmal lesen. Welche drei Wörter wiederholen sich?
  • Zwei bis drei vorab überlegte Fragen notieren, die du unbedingt stellen willst, falls sie sich nicht von allein ergeben.
  • Eine sehr kurze Notiz zu ähnlichen Projekten, die du gemacht hast, parat — falls die Kundschaft fragt.
  • Stift und Papier bereit (oder ein Notiz-Dokument). Hände frei, Kopf frei zum Zuhören.

15 Minuten Vorbereitung machen 30 Minuten Gespräch zehnmal produktiver.

Ein Prompt zum Ausprobieren

Vor einem Erstgespräch:

Ich habe morgen ein Erstgespräch mit folgender Person/Firma:
[kurz: was du weißt — Branche, Größe, Anliegen aus der Anfrage]

Helfe mir, mich vorzubereiten:

1. Welche 3-5 Fragen sollte ich unbedingt stellen, um das Anliegen
   wirklich zu verstehen — über die Standardfragen hinaus?
2. Was sind plausible Hintergrund-Themen in dieser Branche, die im
   Gespräch hochkommen könnten?
3. Welche zwei oder drei Punkte könnten kritisch sein und sollte
   ich proaktiv ansprechen?

Antworte in Stichpunkten, keine langen Erklärungen.

Drei Minuten Anwendung dieses Prompts ersparen dir oft Stunden Korrekturen am späteren Angebot.

Direkt nach dem Gespräch

Sobald du auflegst:

  • 5 Minuten Notizen. Was hast du gehört? Welche Wörter hat die Kundschaft verwendet? Was war das eigentliche Problem hinter dem genannten?
  • Eine kurze Bestätigungsmail innerhalb von 24 Stunden: kurz zusammenfassen, was du verstanden hast, und den nächsten Schritt bestätigen. Das beruhigt die Kundschaft, dass nichts verlorengeht.
  • Erst dann beginnst du mit dem Angebot. Mehr dazu im Guide Angebot schreiben.

Häufige Fragen

Wie lang sollte ein Erstgespräch sein?

30 Minuten reichen für die meisten Solo-Projekte. Wer mehr braucht, hat entweder zu wenig vorbereitet oder verliert sich im Detail. Ein 45-Minuten-Slot, in dem die letzte Viertelstunde freier Puffer ist, hat sich für viele bewährt.

Soll ich im Erstgespräch schon einen Preis nennen?

Lieber nicht konkret. Eine Größenordnung zur Orientierung ist okay („typische Projekte in dieser Richtung liegen bei 5- bis 15-tausend Euro“), ein verbindlicher Preis gehört ins Angebot. Wer am Telefon zu früh eine Zahl nennt, kann sie kaum noch begründen.

Was, wenn die Kundschaft im Erstgespräch schon ein Angebot will?

Höflich verschieben: „Damit ich Ihnen ein Angebot mache, das wirklich passt, brauche ich noch drei Antworten — kann ich die jetzt fragen?“ Wer Druck aushält, wird selten unter ihm leiden — wer ihn nicht aushält, schreibt schlechte, panische Angebote.

Wie qualifiziere ich, ohne unfreundlich zu wirken?

Über offene Fragen statt Ja/Nein-Fragen. „Was haben Sie bisher schon versucht?“ ist freundlicher und ergiebiger als „Haben Sie Budget?“ — und sie führt zu denselben Antworten, plus Kontext.

Wann sollte ich ein Erstgespräch ablehnen?

Wenn du beim Lesen der Anfrage schon weißt, dass es nicht passt — Branche, Größe, Anliegen, Tonfall der Anfrage. Ein höfliches Nein vor dem Gespräch spart beiden Seiten Zeit und ist ein Qualitätssignal, kein Nachteil.

Zuletzt aktualisiert: 2026-05-22